Jörg Krämer erzählt die Familiensaga aus dem Ruhrgebiet. Er stellt zudem den Familienhund "Germanischer Bärenhund" vor.

Die Götter kehren zurück

 

Jörg Krämer  
Die Götter kehren zurück  
Der Fotograf, der dieses idyllische Foto mit dem kleinen Jungen auf der Wiese geschossen hat, ist tot. Sein zerfetzter Körper liegt nur einhundert Meter von dem Ort entfernt, an dem er das Foto gemacht hat.   
Als Robert, so hieß der junge, gutaussehende Tierfotograf, auf der Suche nach dem Bild seines Lebens durch den Bayrischen Wald des Jahres 2078 streifte, hatte er eine unglaubliche Begegnung.  Mitten auf einer Lichtung erblickte er einen kleinen, etwa zehnjährigen Jungen, der verträumt in den Himmel schaute. Unscheinbar, in Jeans und T-Shirt gekleidet, mit einer altmodischen Baseballkappe auf dem Kopf, bot er Robert ein so romantisches Bild, dass er es einfach aufnehmen musste.  Der Junge schaute nur kurz auf, lächelte abwesend zu dem Fotografen hin und konzentrierte sich dann wieder auf den Apfel in seiner Hand.  Wolken zogen auf.  Robert näherte sich langsam dem Kind.  In der Ferne blitzte es. Ein Gewitter näherte sich.  Aus der Nähe bemerkte Robert jetzt ein seltsames Glitzern in den stahlblauen Augen des Jungen.  »Lauf weg!«, schrie der Junge plötzlich.  Robert zuckte zusammen. Er blieb abrupt stehen und kratzte sich nervös seinen zweigeteilten Wikingerbart. Langsam bekam er eine Gänsehaut. Mit dem Jungen stimmte etwas nicht.  Der Donner wurde lauter.  Robert ging nun noch näher zu dem Jungen. Er schaut durch den Zoom seiner Kamera und erkannte, dass der Gegenstand in der Hand des Jungen kein Apfel war. Robert wurde schlecht.  Der Junge hielt ein großes Auge, von dem noch Blut tropfte, in der Hand. Die Pupille war noch gut zu erkennen. Auf dem Rücken des Kindes sah er jetzt einen langstieligen, groben Vorschlaghammer, von dessen Kopf ein leichtes Leuchten ausging.  Ein Blitz schlug in der Nähe ein.  In dem Licht des Blitzes nahm Robert das getrocknete Blut an dem Hammerkopf wahr.   
Inzwischen war es durch das Unwetter so dunkel geworden, als wäre es Nacht.  Ein Sturm zog auf.  Der Junge wirkte irgendwie weggetreten. Vielleicht auch nur hochkonzentriert.  Robert konnte nicht länger auf den Knaben achten. Ein Knacken, vermischt mit einem grässlichen Brüllen, riss ihn aus seinen Betrachtungen. Er wollte sich gerade umdrehen, als er einen alles zerreißenden Schmerz in seiner Brust fühlte. Er schaute an sich hinunter und sah die Schneide der Axt, die ihm ein riesiger, vernarbter Bergtroll von hinten durch die Brust geschlagen hatte. Der Schmerz wurde unerträglich. Er schrie und versuchte, sich loszureißen. Dann spürte er nichts mehr.  Der Troll warf Roberts abgerissenen Kopf achtlos zur Seite.   
Der Junge war verwirrt. Es machte ihm gar nichts aus, einen Menschen so grässlich sterben zu sehen. Er hatte auch keine Angst. Eigentlich unmöglich. Warum das so war, verstand er nicht. Schon seit Tagen, genau genommen, seitdem er aus einer tiefen Ohnmacht erwacht war, fragte er sich: »Wer bin ich? Woher komme ich?«  Nicht einmal seinen eigenen Namen kannte er. 
Alles, was länger als drei Tage her war, lag für ihn im Dunkeln.  Nur an den Namen seines Hammers, der inzwischen in seiner Hand lag, erinnerte er sich: »Mjölnir«. Aber wozu hatte ein Werkzeug einen Namen? Er verstand das alles nicht.  Weitere Gedanken konnte er sich jetzt nicht machen. Seine ganze Aufmerksamkeit wurde von dem hässlichen Troll, der auf ihn zustürmte, in Anspruch genommen.  Er konnte seinen Schweiß riechen, so nah war er schon.  Das Gewitter war jetzt genau über ihnen.  Der Troll mit einer imposanten Größe von weit über drei Metern war durch einen Blitz kurz abgelenkt. Der Hammer flog augenblicklich auf den Troll zu. Er wurde von dem Knaben geschleudert, als würde er nichts wiegen.  Der Troll schaute auf und bekam den Hammer genau vor die Stirn. Er taumelte leicht, fing sich aber sofort wieder und stürzte sich auf den Jungen.  Seine Wut war unfassbar.  Das Auge in der Hand des Kindes stammte von seinem Bruder, den er morgens zerschmettert im Wald gefunden hatte, den Körper förmlich zermatscht.  Er hatte den Jungen bis hierhin verfolgt und wollte jetzt Rache.  Bisher konnte ihm noch kein Gegner standhalten. Und bestimmt würde kein Kind damit anfangen.  Die riesige Axt des Trolls schwang auf den Knaben nieder.  Der sprang in letzter Sekunde zur Seite, fing den Hammer, der nach dem Treffer wie ein Bumerang zu ihm zurückflog, und rollte sich ein Stück von seinem Gegner weg.  In seinen Augen war nur noch das Weiße zu sehen. 
Der Troll setzte zu dem alles entscheidenden Angriff an. Er holte weit mit seiner Axt aus und sprang auf den Jungen zu. Der Hammer flog diesmal nicht.  Der Junge hob die Hand, und ein gewaltiger Blitz zuckte zur Erde.  Der Troll wurde mitten im Sprung getroffen.  Der Blitz schlug in seinem Kopf ein und verbrannte ihn bis zu den unförmigen Füßen.  Nur ein verkohlter Rest blieb von dem gewaltigen Bergtroll übrig.   
In aller Seelenruhe schulterte der Junge seinen Hammer, warf noch einen bedauernden Blick auf Roberts Leiche, keinen Blick auf die Überreste des Trolls, und verschwand im Wald.  Der Himmel war wieder blau und wolkenlos.   
Roberts Leiche wurde zwei Tage später von einem Ranger gefunden. Die Kamera war zwar völlig zerstört, aber die Speicherkarte mit den Fotos wurde gerettet.  Es war nur ein Bild darauf zu sehen.   
Das Foto von einem Jungen auf einer Wiese, mit einem Apfel in der Hand, wird zum idyllischsten Bild des Jahres gekürt.  Niemand ahnt, dass Robert damit die Rückkehr der Götter dokumentiert hat.