Jörg Krämer erzählt die Familiensaga aus dem Ruhrgebiet. Er stellt zudem den Familienhund "Germanischer Bärenhund" vor.
Die Götter kehren zurück

Die Götter kehren zurück

Erschienen 2015 als Kurzgeschichte des Monats Dezember.

Der Fotograf, der dieses idyllische Foto, mit dem kleinen Jungen auf der Wiese, geschossen hat ist tot. Sein völlig zerfetzter Körper liegt nur 100 Meter von dem Ort entfernt, an dem er das Foto gemacht hat.

Als Robert, so hieß der junge, gut aussehende Tierfotograf, auf der Suche nach dem Bild seines Lebens durch den Bayrischen Wald des Jahres 2078 streifte, hatte er eine unglaubliche Begegnung. Mitten auf einer Lichtung erblickt er einen kleinen, etwa zehnjährigen Jungen, der verträumt in den Himmel schaute. Unscheinbar, in Jeans und T-Shirt gekleidet, mit einer altmodischen Baseballkappe auf dem Kopf, bot er Robert ein so romantisches Bild, dass er es einfach aufnehmen musste. Der Junge schaute nur kurz auf, lächelte abwesend zu dem Fotografen hin, konzentrierte sich dann wieder auf den Apfel in seiner Hand. Wolken zogen auf. Robert näherte sich langsam dem Kind. In der Ferne blitzte es. Ein Gewitter näherte sich. Robert bemerkte jetzt ein seltsames Glitzern in den stahlblauen Augen des Jungen. „Lauf weg!“, schrie der Junge plötzlich. Robert zuckte zusammen. Er blieb abrupt stehen und kratzte sich nervös seinen zweigeteilten Wikingerbart. Langsam bekam er eine Gänsehaut. Mit dem Jungen stimmte etwas nicht. Der Donner wurde lauter. Robert ging nun noch näher zu dem Jungen. Er schaut durch den Zoom seiner Kamera und erkannte, dass der Gegenstand in der Hand des Jungen kein Apfel war. Robert wurde schlecht. Der Junge hielt ein großes Auge, von dem noch Blut tropfte, in der Hand. Die Pupille war noch gut zu erkennen. Auf dem Rücken des Kindes sah er jetzt einen langstieligen, groben Vorschlaghammer, von dessen Kopf ein leichtes Leuchten ausging. Ein Blitz schlug in der Nähe ein. In dem Licht des Blitzes nahm Robert das getrocknete Blut an dem Hammerkopf wahr. Inzwischen war es durch das Unwetter so dunkel geworden, als wäre es Nacht. Ein Sturm zog auf. Der Junge wirkte irgendwie weggetreten. Vielleicht auch nur hoch konzentriert. Robert konnte nicht länger auf den Knaben achten. Ein Knacken, vermischt mit einem grässlichen Brüllen riss ihn aus seinen Betrachtungen. Er wollte sich gerade umdrehen, als er einen alles zerreißenden Schmerz in der Brust fühlte. Er schaute an sich hinunter und sah die Schneide der Axt, die ihm ein riesiger, vernarbter Bergtroll von hinten durch die Brust geschlagen hatte. Der Schmerz wurde unerträglich. Er schrie und versuchte sich los zu reißen. Dann spürte er nichts mehr. Der Troll warf Roberts abgerissenen Kopf achtlos zur Seite.

Der Junge ist verwirrt. Es macht ihm gar nichts aus, einen Menschen so grässlich sterben zu sehen. Er hat auch keine Angst. Eigentlich unmöglich. Warum das so ist, versteht er nicht. Schon seit Tagen, genau genommen, seitdem er aus einer tiefen Ohnmacht erwacht ist, fragt er sich: „Wer bin ich? Woher komme ich?“ Nicht einmal seinen eigenen Namen kennt er. Alles, was länger als drei Tage her ist, liegt für ihn im Dunkeln. Nur an den Namen seines Hammers, der inzwischen in seiner Hand liegt, erinnert er sich: „Mjölnir“. Aber wozu hat ein Werkzeug einen Namen? Er versteht das alles nicht. Weitere Gedanken kann er sich jetzt nicht machen. Seine ganze Aufmerksamkeit wird von dem hässlichen Troll, der auf ihn zustürmt, in Anspruch genommen. Er kann seinen Schweiß riechen, so nah ist er schon. Das Gewitter ist jetzt genau über ihnen. Der Troll, mit einer imposanten Größe von weit über drei Metern, ist durch den Blitz kurz abgelenkt. Der Hammer fliegt augenblicklich auf den Troll zu. Er wird von dem Knaben geschleudert, als würde er nichts wiegen. Der Troll schaut auf und bekommt den Hammer genau vor die Stirn. Er taumelt leicht, fängt sich aber sofort wieder und stürzt sich auf den Jungen. Seine Wut ist unfassbar. Das Auge in der Hand des Kindes stammt von seinem Bruder, den er morgens zerschmettert im Wald gefunden hat, den Körper förmlich zermatscht. Er hat den Jungen bis hierhin verfolgt und will jetzt Rache. Bisher konnte ihm noch kein Gegner standhalten. Und bestimmt wird kein Kind damit anfangen. Seine riesige Axt schwingt auf den Knaben nieder. Der springt in letzter Sekunde zur Seite, fängt den Hammer, der nach dem Treffer

wie ein Bumerang zu ihm zurück fliegt und rollt sich ein Stück von seinem Gegner weg. In seinen Augen ist nur noch das Weiße zu sehen. Der Troll setzt zu dem alles entscheidenden Angriff an. Er holt weit mit seiner Axt aus und springt auf den Jungen zu. Der Hammer fliegt diesmal nicht. Der Junge hebt die Hand und ein gewaltiger Blitz zuckt zur Erde. Der Troll wird mitten im Sprung getroffen. Der Blitz schlägt in seinem Kopf ein und verbrennt ihn bis zu den unförmigen Füßen. Nur ein verkohlter Rest bleibt von dem gewaltigen Bergtroll übrig. In aller Seelenruhe schultert der Junge seinen Hammer, wirft noch einen bedauernden Blick auf Roberts Leiche, keinen Blick auf die Überreste des Trolls, und verschwindet im Wald. Der Himmel ist wieder blau und wolkenlos. Roberts Leiche wird zwei Tage später von einem Ranger gefunden. Die Kamera ist zwar völlig zerstört, aber die Speicherkarte mit den Fotos wird gerettet. Es ist nur ein Bild darauf zu sehen. Das Foto mit einem Jungen auf der Wiese, mitten im Bayrischen Wald, wird zum idyllischten Bild des Jahres gekürt. Niemand ahnt, dass Robert damit die Rückkehr der Götter aufgenommen hat.

 


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